Seitenstettener Manifest

zur zukünftigen onkologischen Versorgung Österreichs
  1. Gesundheitssysteme bestehen aus vielen Ebenen. Eine funktionierende Gesundheitspolitik beeinflusst die Gesundheit der Gemeinschaft positiv und trägt gleichzeitig Verantwortung für die Gesundheit des Einzelnen. Es ist ein zentrales Anliegen des PRAEVENIRE-Gedankens, diese Ebenen holistisch zu verbinden.

  2. PRAEVENIRE versteht die Komplexität des österreichischen Gesundheitssystems. Trotzdem wollen wir Impulse setzen, um mit vorhandenen Ressourcen bestmögliche Ergebnisse für die Menschen zu erzielen.

  3. Erfahrungen aus unseren Gemeindeprojekten haben gezeigt, dass zwischen den Ebenen des Gesundheitssystems oft Schnittstellenprobleme existieren. Gleichzeitig haben wir erkannt, dass die Gesundheitspolitik oft an den Bedürfnissen der Menschen vorbei geht.

  4. Das Konzept einer „Reparaturmedizin“ ist ausgelaufen. Um Gesundheit zu maximieren, bedarf es der Prävention und des Verständnisses für wichtige Stellschrauben von Sektoren außerhalb des Gesundheitssystems, wie Erziehung, Umwelt, Arbeit, Infrastruktur und Ökonomie.

  5. Im ersten Praevenire Forum 2016 haben wir uns mit den Hauptkrankheitslasten in unserer Gesellschaft befasst und uns auf chronische Erkrankungen und Public Health konzentriert. In unserem zweiten Jahr arbeiten wir an Themen, die gute Indikatoren sowohl für fairen, als auch nachhaltigen Zugang zum System, als auch für Innovation und hohe Servicequalität sind. Die onkologischen Versorgung in unserem Land stellt solch einen „Tracer“ dar.

1.

Österreichs onkologische Versorgung agiert im weltweiten Spitzenfeld. Wenn wir wollen, dass das so bleibt, müssen wir jetzt handeln.

2.

Durch den demografischen Wandel besteht eine Riesenherausforderung in der onkologischen Versorgung. Um das Jahr 2030 wird jeder vierte Österreicher über 65 Jahre alt sein. Wir werden medizinisch immer besser versorgt, darauf können wir stolz sein. Umgekehrt bedeutet das, dass wir immer mehr Krankheiten – auch Krebserkrankungen – erleben, die uns das Alter erschweren.

3.

Eine intensivierte und sachkundige Investition in Früherkennung ist dringend nötig. Desto eher wir Krebs erkennen, desto weniger Zerstörung (und Kosten!) kann er anrichten.

4.

Wir engagieren uns dafür, dass jeder Patient die sinnvollste Therapie zum richtigen Zeitpunkt erhält. Eine gesamtgesellschaftlich nachhaltige Krebsmedizin kann es sich nicht leisten, Behandlungsstandards zu akzeptieren, bei denen – aufgrund von nur ökonomischen Gesichtspunkten – wirksame Behandlungen nicht stattfinden. Auf der Strecke bleibt dabei der Mensch.

5.

Es besteht eine gesellschaftliche Verantwortung für alle Stakeholder, konstruktiv und behutsam über „Value“ zu diskutieren und „akzeptable“ Kosten vorzuschlagen, damit in einem breiteren gesellschaftlichen Diskurs über definierte „wünschenswerte“ Benefits geredet werden kann. Wir wollen uns vor dieser Frage nicht mehr „drücken“ – und laden die Stakeholder des Gesundheitssystems ein, es uns gleichzutun.

6.

Der Forschungsstandort Österreich ist unterfinanziert. Wir müssen dringend in die – auch klinische – Krebsfor­schung investieren. Eine Krankheit kann nur bezwungen werden, wenn man sie verstanden hat. Wir verfügen über gute Ansätze, den Krebs zu besiegen – das ist dem Fortschritt der Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten zu verdanken. Jetzt die Forschung (aus Kostengründen) zu vernachlässigen, wäre ein fataler und kurzsichtiger Fehler. Das schadet den Patienten und schwächt den Forschungsstandort nachhaltig.

7.

Damit Medizin in der klinischen „Routine“ gut sein kann, braucht sie gute Innovation und Forschung. Wer einen vermeintlichen Gegensatz zwischen dem Stand der Kunst in ihrer „täglichen Anwendung“ und der klinischen Forschung herbeiredet, verkennt, dass Therapiestandards dynamisch sind und sein müssen und nur durch Integration von Klinik und Forschung eine patientenorientierte Weiterentwicklung des Gesundheits­wesens stattfinden kann.

8.

Wir brauchen Rahmenbedingungen, um die neuesten methodologischen Innovationen in den alltäglichen Kampf gegen Krebs zu integrieren. Nur wenn wir die Möglichkeiten von Big Data nutzen, können wir valide Vergleichsdaten bereitstellen, um die optimale Therapie für jeden Patienten zu gewährleisten. Die Daten stehen zur Verfügung, es liegt an uns sie intelligent nutzen. Wir müssen Big Data zu Smart Data veredeln.

9.

Die Rehabilitation der Krebspatienten muss unbedingt weitergedacht werden. Ein Mensch mag nach der Therapie organisch gesund sein, die Angst vor dem Rezidiv bleibt aber immer bestehen. Damit belastet die Krankheit wesentlich die Psyche. Wir müssen die Menschen dabei unterstützen, wieder ins Leben und nach Wunsch in die Arbeitswelt zurück zu finden. Dafür müssen umfassende neue Konzepte entwickelt werden.

10.

Eine optimal arbeitende Onkologie – in Innovation und Versorgung – ist von allgemeinem Interesse. Es lohnt sich, weiterhin mit allen Mitteln für eine nachhaltige Reduktion des Krebsproblems in der Gesell­schaft zu kämpfen. Dieses Ziel wird im 21. Jahrhundert für die Menschheit erreichbar werden. Therapieerfolge und Lebensqualität von Krebspatienten gehen uns alle an – in der einen oder anderen Form werden wir alle in unserem Leben mit Krebs konfrontiert werden.

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Die Entstehung des Seitenstettener Manifests zur zukünftigen onkologischen Versorgung Österreichs

Im Rahmen des zweiten PRAEVENIRE Gesundheitsforums in Seitenstetten vom 10.-13. Mai 2017, fanden sich am Rande der Sessions und Gespräche mehrere Experten zusammen. Sie nahmen die Anregungen der Vorträge und Diskussionsrunden auf und begannen sich gemeinsam über ein wesentliches Thema zu verständigen. Der Philosophie von PRAEVENIRE gemäß waren sie überzeugt, dass nur eine vorausschauende und ganzheitliche Sichtweise auf das Gesundheitssystem zielführend sein kann. Ihr gemeinsames Thema ist die Lage der onkologischen Versorgung Österreichs. In diesem komplexen medizinischen Teilgebiet ist Österreich, was die Zugänglichkeit von innovativen Therapien für jedermann angeht, aktuell weltweit im Spitzenfeld. Gleichzeitig lässt sich am Beispiel der Onkologie diskutieren, wie es um die Innovationsleistung der österreichischen Forschung bestellt ist, wie Früherkennung und Rehabilitation neu gedacht werden können, wie die vertrackte Kostendebatte konstruktiv geführt werden könnte und was die aktuellsten Entwicklungen von Big Data für Veränderungen bringen werden.

Diese Gruppe aus Gesprächsteilnehmern, bestehend aus Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant, Univ.-Prof. Dr. Reinhard Riedl, Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna und Mag. Martin Schaffenrath, formulierte das Seitenstettener Manifest zur zukünftigen onkologischen Versorgung Österreichs. Dr. Armin Fidler verfasste eine Präambel zum Manifest, die es in den Kontext der Philosophie von PRAVENIRE stellt. Die feierliche Präsentation fand zum Abschluss des Gesundheitsforums mit einer Verlesung und Unterzeichnung des Manifests statt.