Schelling: Österreich braucht neue Finanzierungsmodelle für Gesundheitsinnovationen

Dr. Hans Jörg Schelling, Professor Christoph Huber und Professor Peter Ertl erläutern, warum die Gesundheitslandschaft einen Umdenkprozess in puncto Finanzierung braucht.

Zum Weißbuch-Kapitel „Innovation und Finanzierung“

Das kürzlich publizierte Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ der Gesundheitsplattform PRAEVENIRE nimmt im Themenkreis „Innovation und Finanzierung“ die Investitionskraft des österreichischen Gesundheitssektors unter die Lupe. Fazit: Um Innovationen langfristig nicht zu behindern und dem rasanten medizinischen Fortschritt gerecht zu werden, müsse zukünftig verstärkt auf Spezifizierung gesetzt werden. Nur so würde es möglich sein, spitzenmedizinische Exzellenz zu generieren. „Innovation bedeutet nicht zwangsläufig Kostenerhöhung“, weiß Dr. Hans Jörg Schelling, Präsident der Gesundheitsplattform PRAEVENIRE. Gerade hinsichtlich der Budgetplanung für die Nach-Corona-Zeit stellt sich schließlich die Frage, ob überhaupt ausreichend Geldmittel für Investitionen im Gesundheitsbereich vorhanden sein werden. Schelling zufolge wird das der Fall sein. Essenziell sei jedoch eine neue Investitionskultur, um die Attraktivität für Anleger und potenzielle Investoren zu erhöhen und Kapital in innovative Therapien und Spitzenforschung anzulegen.

Immunonkologe Professor Christoph Huber setzt auf Präzision

Univ.-Prof. Dr. Christoph Huber, österreichischer Co-Founder des deutschen Biotechnologie-Unternehmens und Innovationshubs BioNTech, deren EU-Zulassung des SARS-CoV-2-Impfstoffes in Kürze erwartet wird und für Großbritannien, USA, das Königreich Bahrain sowie Kanada schon erteilt wurde, erklärt: „Europa ist in puncto Forschungsinvestitionen nicht sehr risikofreudig. Um die europäische Forschung voranzutreiben, müssen zukünftig mehr Mittel in die Hand genommen werden und Anreizsysteme wie Steuererleichterungen für Risiko-Kapital etabliert werden. Nur so schaffen wir es, Schlüssel-Innovationen an unseren Wirtschaftsstandort zu binden und den Menschen die bestmögliche Versorgung zu garantieren.“

Huber, dem erst kürzlich das österreichische Verdienstkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse von Bundeskanzler Sebastian Kurz überreicht wurde, ist nicht nur an der Entwicklung des Corona-Impfstoffes beteiligt, sondern gilt zudem als Zentralfigur in der Krebsforschung, in der die Präzisionsmedizin als unverzichtbarer Innovationstreiber verankert ist. „Präzise Ergebnisse brauchen präzise Investitionen.“ Der Krebspionier blickt auf einen hohen Erfahrungsschatz in der Erforschung von Krebstherapien zurück und ist Mitgründer und Vorsitzender der europaweit führenden Wissenschafts- und Kommunikationsplattform Cancer Immunotherapy CIMT (www.cimt.eu). „Präzisionsmedizin bzw. Personalisierte Medizin geht auf die ganz individuellen Konstitutionen des einzelnen Menschen ein. Sie ermöglicht spezifische und hochwertige Nischenforschung, die für einen zukunftsweisenden Innovationsstandort unerlässlich ist“, weiß Huber.

Österreich: Globaler Innovationsvorreiter?

Auch der TU Wien-Forscher Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Peter Ertl ist von Spezialisierung anstelle von breiten, tröpfchenweisen Investitionen überzeugt. Erst kürzlich wurde an der Technischen Universität Wien ein neuer Coronatest entwickelt, der in Rekordzeit den Nachweis von SARS-CoV-2-Viren – selbst für Menschen mit sehr niedriger Virenlast – verspricht. Um Österreich auf internationalem Terrain in puncto Innovationen besser zu positionieren und den womöglich „schnellsten Coronatest der Welt“ auf starke Beine zu stellen, brauche es Professor Ertl zufolge „mehr Verständnis dafür, dass Spitzenforschung und Innovation auf Top-Niveau nur dann möglich sind, wenn sie den nötigen Fokus und die erforderlichen Mittel rasch bekommen“. Österreich verfüge über exzellente Köpfe, die es zu fördern gilt, um sie langfristig im Land zu halten. Kein Konkurrenzdenken, dafür stets groß denken, lautet die Devise. „Die Zukunft der Medizin liegt im Bereich der frühen Diagnostik und Prävention. Wir gestalten unsere Testkits heute möglichst klein und anwenderfreundlich. Egal, ob es sich jetzt um Corona, Zika oder Vitamin D dreht, die Tests der Zukunft sind Pre-Screening Tools, die zuhause angewendet werden können, um vorab sagen zu können, ob es notwendig ist, in Quarantäne oder zum Arzt zu gehen. Im Bereich der Diagnostik ist dieser Bereich massiv im Wachsen. Hier zu investieren, bedeutet langfristige Kostenersparnis für das Gesundheitssystem und mehr Lebensqualität für die Menschen“, zeigt sich Ertl überzeugt.

Entbürokratisierung – Effizienz – Entschleunigung

„Wir müssen Exzellenz generieren, um international wettbewerbsfähig zu bleiben“, appelliert der ehemalige Finanzminister Schelling. Dafür brauche es Entbürokratisierung und Entschleunigung zugunsten der Qualität. „Erst durch die Erhöhung der Effizienzen schaffen wir es, Gelder frei zu machen.“ Die Gesundheitsplattform PRAEVENIRE gibt in ihrem Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ zudem folgende Handlungsempfehlungen, um Österreich als Top-Innovationsstandort zu positionieren (Auszug):

1. Das Zusammenspiel staatlicher und privater Instanzen fördern.

2. Private Stiftungen anregen, verstärkt in Forschung und Innovation zu investieren — mit steuerlicher Beteiligung des Staates.

3. Public-Private-Partnership-Modelle (PPP-Modelle) verstärkt ausrollen, um so die Grundlagenforschung zu stützen. Auch im forschenden Umfeld der Präzisionsmedizin erweisen sich PPP-Modelle als essenzielle Ressource.

4. Bei der Investition der öffentlichen Hand müssen Schwerpunkte gesetzt werden. Als wichtige Bereiche zeigen sich auf Basis der demografischen Entwicklung Demenzerkrankungen, Morbus Alzheimer, die Onkologie, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und des Bewegungs- und Stützapparates.

5. Den Zugang zu Real World Data gewährleisten.

6. Verstärkten Fokus auf Früherkennung setzen.

7. Schaffung eines zentralen Registers, um die innovativsten Lösungen an einem Ort zu bündeln.

PRAEVENIRE Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ an Bundes- und Landesregierungen überreicht

Gemeinsam mit mehr als 500 Gesundheitsexpertinnen und –experten erarbeitete PRAEVENIRE Präsident Dr. Hans Jörg Schelling neue Lösungsmodelle für das österreichische Gesundheitssystem. Im Fokus des Weißbuches steht die Entwicklung einer Strategie, wie ein modernes und krisenfestes Gesundheitssystem für die österreichische Bevölkerung erhalten und auf ein nächstes Level transferiert werden kann.

Das Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“, das konkrete Handlungsempfehlungen für die Bundes- und Landesregierungen gibt, wurde im Oktober 2020 Bundeskanzler Sebastian Kurz, Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer und Nationalratspräsident Mag. Wolfgang Sobotka überreicht.

Weiterführende Informationen zum Weißbuch-Themenkreis „Innovation und Finanzierung“ finden Sie unter folgendem Link:

Zum Weißbuch-Kapitel „Innovation und Finanzierung“

Verpassen Sie keine PRAEVENIRE-News mehr
mit unserem Newsletter

Scroll to Top