PRAEVENIRE PRÄSIDENT SCHELLING: DEN SCHWUNG, DER DURCH DIE CORONAKRISE ENTSTANDEN IST, BEIBEHALTEN

Für eine zukunftsorientierte und ganzheitliche Versorgung auf hohem Qualitätsniveau ist es wichtig, rasch auf soziale und ökonomische Folgen der Coronakrise zu reagieren.

Weiterführende Informationen zum Weißbuch-Themenkreis „Corona-Learnings“ finden Sie unter folgendem Link: Weißbuch-Kapitel „Corona-Learnings“

Die Erstellung eines ganzheitlichen Konzepts für ein modernes, leistungsstarkes und krisenfestes Gesundheitssystem hat durch die Coronapandemie weiter an Brisanz gewonnen. Die Pandemie hat gezeigt, wie elastisch das österreichische Gesundheitssystem auf Krisensituationen reagieren kann und wie rasch Veränderungen möglich sind. Gleichzeitig wurden Schwachstellen aufgezeigt, die optimiert werden müssen, um eine krisenfeste, menschennahe State-of-the-Art-Gesundheitsversorgung sicherzustellen. „Die Pandemie hat das Bewusstsein für den Wert und die Wertschätzung medizinischer Innovationen gestärkt und die Bereitschaft erhöht, innovative Therapien zu finanzieren. Der Schwung, der durch die Krise entstanden ist, muss nun beibehalten werden, indem die Rahmenbedingungen und die Sicherheit für Gesundheitsberufe verbessert und ihre Zusammenarbeit gefördert werden sowie ein forschungsfreundliches Klima durch Bürokratieabbau geschaffen wird“, betont PRAEVENIRE Präsident Dr. Hans Jörg Schelling. Laut Schelling umfasst die Coronakrise nicht nur den medizinischen Bereich, sondern zieht weitreichende Kreise durch ökonomische Unsicherheit und gesellschaftlich-soziale Folgen, die eine Sichtbarmachung bzw. einen Anstieg psychischer Erkrankungen nach sich ziehen. Um die österreichische Gesundheitsinfrastruktur auf krisensichere Beine zu stellen, empfiehlt die PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030 folgende drei Optimierungsprogramme mit konkreten Handlungsempfehlungen.

Digital-Health-Maßnahmen fortsetzen

Bewährte digitale Angebote, wie die elektronische Krankschreibung, dürfen nicht mehr zurückgenommen werden, da sie sowohl den Servicecharakter für Patientinnen und Patienten unterstützen, als auch das Gesundheitssystem im Gesamten entlasten. Wo der Verzicht auf physische Präsenztermine die Qualität der Gesundheitsversorgung nicht beeinflusst, sollten die Präsenztermine durch telemedizinische Leistungserbringung ersetzt werden. Auch die psychotherapeutische und psychologische Begleitung der Bevölkerung muss gefördert und verstärkt von den Kassen finanziert und — für den Fall weiterer Pandemien — telemedizinisch gleichwertig anerkannt werden. Im Zentrum aller digitalen Anwendungen muss die Benutzerfreundlichkeit stehen. Das Fehlen psychiatrischer (Tages-)Versorgung wurde im Lockdown durch telemedizinische und telerehabilitative Betreuung ersetzt. Auf diese Erfahrungen muss aufgebaut werden und der Zugang zu Therapien vereinfacht werden. Die PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030 empfiehlt, digitale Lösungen für das Medikamentenmanagement effizienter zu nutzen, um z. B. Unverträglichkeit von Präparaten zu erkennen oder intra- und extramurale Unterschiede bei der Verschreibung aufzuheben.

Abhängigkeit reduzieren, Netzwerke ausbauen

Um die kritische Infrastruktur zu stärken sowie ein derzeit noch fehlendes Horizon Scanning samt lückenlosen Krisenplänen auf die Beine zu stellen, braucht es einen ausgefeilten Krisenplan für Ernstfälle und eine Sicherstellung der Lieferbarkeit von Arzneimitteln und Medizinprodukten. Dies gilt insbesondere für Medikamente für Seltene Erkrankungen und für jene Präparate, von denen keine Alternativprodukte vorhanden sind. Dafür und für Medizinprodukte wie Schutzausrüstung ist eine schnell hochfahrbare Notfallproduktion für die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Laut der Leiterin der AGES-Medizinmarktaufsicht, DI Dr. Christa Wirthumer-Hoche, war die Versorgung mit Arzneimitteln während der Coronakrise zwar stabil, ein Stillstand der Produktion in China könnte aber gravierende Auswirkungen haben. „Weltweit verarbeitet man Wirkstoffe, die aus Asien kommen. Das Coronavirus hat jetzt Bewusstsein geschaffen, wie abhängig wir bei der Arzneimittelproduktion vom asiatischen Raum sind und wie fragil globalisierte Liefer- und Produktionsketten sein können. Ich sehe die Coronakrise auch als Chance, um alle wachzurütteln und alles daran zu setzen, dass zumindest die Produktionsstandorte, die sich in Europa befinden, auch bleiben und die eine oder andere Wirkstoffproduktion nach Europa zurück zu holen“, appelliert die Expertin.

Die Lieferbarkeit von Wirkstoffen und Medizinprodukten aus Staaten wie Indien und China muss durch offene Transportwege von öffentlicher Hand sichergestellt werden. Zwar wurden die Spitalskapazitäten, die in den letzten Jahren immer wieder als „Überversorgung“ kritisiert wurden, während der ersten Wellen nicht überlastet – dennoch hat im Gesundheitssystem ein Lockdown stattgefunden, indem Ambulanzen gesperrt, nicht unbedingt notwendige Operationen und Rehabilitationsaufenthalte verschoben oder Frischoperierte ohne Anschlussheilbehandlung nach Hause geschickt wurden. Dr. Alexander Biach, Wiener Standortanwalt und Direktor-Stellvertreter der Wirtschaftskammer Wien fordert ein vorausschauendes Engpass-Management, um die Auswirkungen von Krankheiten und Epidemien möglichst zu reduzieren: „Das Pandemiemanagement im medizinischen Bereich war geprägt von ständig neu auftretenden Engpässen bei Schutzmasken, Intensivbetten, Call-Center-Mitarbeitern, Pflege- und Betreuungspersonal, Testkapazitäten und Impfstoffmengen. Viele dieser Engpässe waren absehbar. Ein vorausschauender und rasch einsetzbarer Kapazitätenausbau wäre in diesen Bereichen für künftige Pandemien durchzuplanen“, appelliert Biach. Diese Krise muss daher als Chance betrachtet werden, Strukturen für Versorgungssicherheit und Krisenresilienz durch umfassende Pandemiepläne für die Zukunft grundlegend zu verbessern. Wesentlich ist auch das optimale Zusammenspiel von Gesundheitseinrichtungen, mobiler Versorgung sowie niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sicherzustellen. Die dringend nötige Aufstockung des Personals muss nach einer österreichweit verpflichtenden, einheitlichen, transparenten und evidenzbasierten Personalbedarfsberechnungsmethode unter Einberechnung von Ausfallszeiten und zeitlichen Ressourcen für Weiterbildung erfolgen. Es braucht moderne Arbeitszeitmodelle, mehr Dienstplansicherheit, Maßnahmen zur Reduktion von belastenden Situationen. Damit sind auch junge Menschen zu motivieren, einen Gesundheitsberuf zu ergreifen und alle zu begeistern, länger diese Arbeit auszuüben. Aufgrund der Coronakrise wird die allgemeine psychische Belastung der Menschen, insbesondere am Arbeitsplatz, zunehmen. Die große Herausforderung wird daher das gute Zusammenwirken von Österreichischer Gesundheitskasse (ÖGK) und Pensionsversicherungsanstalt (PVA) sein. Die Vernetzung muss verbessert werden, damit Neuerungen ineinandergreifen und zu perfekten Behandlungs- und Rehabilitationsabläufen für die Betroffenen führen.

Sensible Gesundheitskommunikation – Krisenzeiten brauchen Stabilität

In Zukunft ist auch eine klar verständliche, präzise und glaubwürdige Kommunikation mit der Bevölkerung notwendig. Sie ist die Voraussetzung für eine stabile Vertrauensbasis. Dabei müssen in Zukunft Medizinerinnen und Mediziner sowie Politikerinnen und Politiker verstärkt mit einer Stimme sprechen, um Verunsicherungen und Ängste zu reduzieren. Gleichzeitig müssen bestehende Informationstechnologien zur systemweiten Verarbeitung unterschiedlicher Datensätze ausgeschöpft werden. Der Einsatz dieser Technologien würde Kosten sparen, die Informationsqualität verbessern und gezieltes Reagieren auf die Ausbreitung von Infektionsherden ermöglichen. „Während der Coronapandemie wurden in vielen Ländern positive Erfahrungen mit Digital Health gemacht. Diese angestoßenen Entwicklungen müssen unbedingt weitergeführt werden. Gleichzeitig hat sich im Lockdown gezeigt, dass in einigen Bereichen praktikable Lösungen fehlen – insbesondere dann, wenn es um die vernünftige Nutzung von vorhandenen Daten geht. Der große Wert der Digitalisierung könne allerdings nur dann ausgeschöpft werden, wenn erhobene Daten der Forschung zur Verfügung gestellt und dadurch nutzbar gemacht werden“, erklärt Prof. Dr. Reinhard Riedl, Leiter des transdisziplinären Zentrums Digital Society der Berner Fachhochschule.

PRAEVENIRE Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ an Bundes- und Landesregierungen überreicht

Gemeinsam mit mehr als 500 Gesundheitsexpertinnen und –experten erarbeitete PRAEVENIRE Präsident Dr. Hans Jörg Schelling neue Lösungsmodelle für das österreichische Gesundheitssystem. Im Fokus des Weißbuches steht die Entwicklung einer Strategie, wie ein modernes und krisenfestes Gesundheitssystem für die österreichische Bevölkerung erhalten und auf ein nächstes Level transferiert werden kann.

Das Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ (Version 2020), das konkrete Handlungsempfehlungen für die Bundes- und Landesregierungen gibt, wurde im Oktober 2020 Bundeskanzler Sebastian Kurz, Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer und Nationalratspräsident Mag. Wolfgang Sobotka überreicht.

Weiterführende Informationen zum Weißbuch-Themenkreis „Corona-Learnings“ finden Sie unter folgendem Link: Weißbuch-Kapitel „Corona-Learnings“

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