4. Digital Health Symposion 2022

Bereits zum 4. Mal fand das Digital Health Symposion in Seitenstetten statt.  Der von Prof. Dr. Reinhard Riedl (Berner Fachhochschule) moderierte zweitägige Workshop widmete sich dieses Jahr dem Thema „Von der Medizin für den Durchschnittspatienten zur personalisierten Medizin für das konkrete Individuum“.

Im Rahmen eines partizipativen Prozesses wurden von den Teilnehmer*innen die positiven Aspekte und drängenden Herausforderungen im Bereich Digital Health diskutiert sowie Lösungsvorschläge erarbeitet. Der Prozess war als vierstufig Annäherung an eine Zukunftsvision konzipiert: ausgehend von der Auseinandersetzung mit einem Problem aus der Praxis mit existierenden, aber noch unzulänglichen digitalen Lösungen wurden als zweiter Schritt Diskussionen über eine realistische Zukunftsoption mit konkreten digitalen Lösungen und erster empirischer Evidenz geführt. Schritt 3 und 4: Analyse der Hindernisse und konstruktiver Dialog zu ihrer Lösung sowie die abschließende Formulierung einer ganzheitlichen Vision zur Schaffung der notwendigen digitalen Infrastruktur und Kompetenzen.

Unter den zahlreichen Vorträgen fanden sich unter anderem hochrelevante Impulse aus dem skandinavischen Raum. Während in Ländern wie in Deutschland und Österreich seit rund 20 Jahren über die Digitalisierung im Gesundheitswesen diskutiert wird, sind andere europäische Länder, wie z.B. Estland, bereits weiter.  “Wir sind dabei ‘Health 3.0 zu etablieren”, sagte Dr. Madis Tiik, estnischer Allgemeinmediziner und einer der Mitgestalter von E-Health in seinem Land. Die Grundvoraussetzungen: Mit einer Bevölkerung von 1,3 Millionen Menschen ist die Zahl der AnwenderInnen jedenfalls überschaubar. Hinzu kommen gesundheitspolitische Bedingungen. “Wir haben eine Pflicht-Krankenversicherung, die von den Arbeitgebern bezahlt wird. Sie umfasst alle Menschen. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP liegt bei 6 %. Die Anbieter sind Allgemeinmediziner auf privatwirtschaftlicher Basis oder Gesellschaften, Krankenhäuser mit Trägerschaft durch Gesellschaften oder Stiftungen.” E-Health und Digitalisierung sind in Estland in ein gesamtstaatliches Konzept eingebunden. “Estland ist schon seit langem sehr aktiv in E-Governance. Jeder Bürger hat eine elektronische ID. Zugang zum Internet wird als Verfassungsrecht angesehen. 99 % der Menschen haben Internet-Zugang. Die BürgerInnen haben ein hohes Vertrauen in ihre E-Identität”, sagte der Experte.

Prof. Dr. Reinhard Riedl fasst die Roadmap zur Vision „Digital Twin Society“ wie folgt zusammen: „Zunächst müssen die Daten bereitgestellt werden, wo sie benötigt werden. Sie müssen aber auch benützt werden. Das wäre ELGA plus mit einfachem Zugriff für alle – und zwar lesend und schreibend. Man braucht auch mehr Daten“. Die zweite Stufe: „Mehr Verantwortung für die eigenen Gesundheit. Wir wollen zu einer ‚Blended Care‘ kommen, von einer wohnortnahen Versorgung zu einer menschennahen Versorgung mit der Integration von Telemedizin, Apps und maßgeschneiderter Wissensvermittlung.“ Hier gebe es bereits viele Angebote. Könne man in der Psychiatrie bereits belegen, dass Apps einerseits die Qualität der Versorgung gesteigert, andererseits direkte Arztbesuche und damit Kosten eingespart werden könnten. Ein anderes Beispiel: die Onkologie. „Ein Gesundheitstagebuch kann die Überlebenschancen von Onkologie-PatientInnen bewiesenermaßen erhöhen“ so Riedl.

Der dritte Schritt sollte dann zu einer personalisierten Präzisionsmedizin führen. Einerseits sollte es die Analyse der individuellen Daten des einzelnen Menschen erlauben, frühzeitig auf sich anbahnende gesundheitliche Probleme zu reagieren, andererseits sollte das gesamte Gesundheitswesen aus der Analyse der anonymisierten Daten vieler Menschen so lernen, dass optimale Versorgung in adäquaten Strukturen angeboten wird.

Die Basis dazu müsse das Vertrauen der BürgerInnen in ein solches System sein, was Datensicherheit und ihnen zukommenden Nutzen betreffe. „Es geht darum, Vertrauen zu schaffen, dass die Menschen die Daten nicht erst dann zur Verfügung stellen, wenn sie von einer Krankheit tödlich bedroht sind“, betont Riedl. Frühzeitige Analysen sollten sowohl für die Allgemeinheit als auch für den Einzelnen von Nutzen sein. So könne man bis 2030 zu einer „Digital Twin Society“ komme: Die Vision eines Gesundheitssystems, in dem Gesundheitsdaten entlang des Lebenslaufs einzelner Patient*innen gesammelt werden um darauf aufbauend eine personalisierte Präzisionsmedizin zu realisieren und weitergehende Forschung zu ermöglichen.

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